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  Im Ohrensessel: Holz fällen - eine Erregung

"Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von ihnen glücklich". Dieses Zitat des Philosophen Frederic Voltaire hat Thomas Bernhard nicht ohne Grund seinem Roman "Holzfällen" voran gestellt.
Fern des Ehepaars Auersberger, fern der "künstlerischen Gesellschaft" Wiens, in London war der Ich-Erzähler glücklich. Über 20 Jahre hat er das Ehepaar Auersberger, die "künstlerische Gesellschaft" und die Stadt Wien gemieden und aus der Ferne verachtet. Doch jetzt sitzt er in dem selben Ohrensessel, in dem er bereits in den fünfziger Jahren gesessen hat. Im Hause der Auersberger in der Gentzgasse in Wien nimmt er an einem sogenannten künstlerischen Abendessen teil. Zum Anlaß für die Einladung dient die vorangegangene Beerdigung der gemeinsamen Freundin Joana. Zusammen mit der ihm verhassten sogenannten "besseren" Gesellschaft wartet er auf den Schauspieler des ihn nicht weniger abstoßenden Burgtheaters. Sein Auftritt soll das Abendessen erst zu einem künstlerischen erheben.
Aus dieser Position eines stillen Beobachters heraus, schleudert er in Gedanken seine ganze Verachtung und Wut auf die Anwesenden und nicht zuletzt auch auf sich selbst.
Dem Sprecher Thomas Holtzmann gelingt es in vortrefflicher Weise, diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die manchmal schier nicht enden wollenden Satzgefüge Bernhards versteht Holtzmann in einer Weise zu lesen, die den Hörer fesselt, ja geradezu die Eskalation der Situation herbeisehnen läßt.
Der nahezu nicht vorhandenen äußeren Handlung setzt Bernhard die spannungsreiche innere Handlung des Ich-Erzählers entgegen. Aus ihr entwickeln sich die Figuren zu Charakteren, erhalten die bloßen Namen Gesichter. Die Gründe für die notorische Ablehnung dieser Menschen wird deutlich.
Mit dem Auftritt des Burgschauspielers wandelt sich das Bild. Hat der Ich-Erzähler dessen Erscheinen noch verschlafen, seine Art zu essen noch als abstoßend empfunden, so wird dieser "oberflächlich theatralische" Schauspieler doch für einen Moment vom "grotesken Stumpfsinnigen" zu einem faszinierenden "Augenblicksphilosophen".
Die Wandlung "von einer widerlichen Figur zu einem philosophischen" Menschen vollzieht sich in dem Augenblick, in dem der Burgschauspieler all das laut im Beisein der Anwesenden ausspricht, was der Erzähler die ganze Zeit gedacht hat. All das, was der Erzähler bis zu seinem Abschied unterdrückt, all jene Dinge, die den Erzähler für immer mit diesen Menschen und mit dieser Stadt verbinden werden, in einer Haßliebe und inneren Zerrissenheit.

Thomas Bernhard, "Holz fällen - eine Erregung"
Gelesen von Thomas Holtzmann
Produktion des Südwestrundfunks (SWR) 1993
H¨rverlag, München 2002
7 CDs, Gesamtlaufzeit ca. 470 Minuten (Vollst„ndige Lesung)
ISBN: 3-89584-949-9

 

 

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